Die Mobilitätswende entscheidet sich im Wohnumfeld. Ohne eine funktionierende Ladeinfrastruktur im Mehrfamilienhaus wird sich Elektromobilität in der Breite nicht durchsetzen. Gerade für Mieterinnen und Mieter ist die Möglichkeit, ein Elektroauto zu Hause zu laden, entscheidend für den Umstieg.
Für die Wohnungswirtschaft in Bayern ist das Thema damit längst kein Zukunftsthema mehr – sondern eine konkrete Herausforderung im Bestand und im Neubau.
Elektromobilität in Deutschland: Wachstum trifft auf fehlende Ladepunkte
Die Zahl der Elektroautos steigt kontinuierlich. Allein 2025 wurden bundesweit über 545.000 batterieelektrische Fahrzeuge neu zugelassen. Gleichzeitig befinden sich rund 70 Prozent der Wohnungen in Deutschland in Mehrfamilienhäusern.
Das Problem: Weniger als zehn Prozent dieser Gebäude verfügen bislang über Wallboxen oder Ladepunkte.
Studien zeigen, dass rund 80 Prozent der E-Autos zu Hause geladen werden. Für viele Haushalte ist eine verlässliche Lademöglichkeit am Wohnort Voraussetzung für den Kauf eines Elektrofahrzeugs. Ohne Ladeinfrastruktur im Mehrparteienhaus bleibt Elektromobilität für breite Bevölkerungsschichten unattraktiv.
Ladeinfrastruktur im Mehrfamilienhaus: Technische, rechtliche und wirtschaftliche Hürden
Rechtlich wurde die Situation in den vergangenen Jahren verbessert. Mieterinnen und Mieter haben nach § 554 BGB grundsätzlich Anspruch auf eine Lademöglichkeit. Das Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz (GEIG) setzt zusätzliche Vorgaben für Neubauten und größere Renovierungen.
In der Praxis ist die Nachrüstung von Ladeinfrastruktur im Bestand jedoch komplex. Tiefgaragen sind häufig nicht ausreichend elektrifiziert, Netzanschlüsse müssen geprüft oder verstärkt werden, und ohne intelligentes Lastmanagement lassen sich mehrere Fahrzeuge nicht gleichzeitig wirtschaftlich laden. Hinzu kommen, vor allem bei Wohnungsgenossenschaften, steuerliche Unsicherheiten.
Einzellösungen für einzelne Mieter sind meist unwirtschaftlich. Für Wohnungsunternehmen sind daher ganzheitliche Konzepte erforderlich, die Ladepunkte, Stromversorgung und Abrechnung integrieren und von Anfang an auf Skalierbarkeit ausgelegt sind.
Elektromobilität ist eine Gemeinschaftsaufgabe und braucht Rahmenbedingungen, die auch im Mehrfamilienhaus funktionieren
Wirtschaftlichkeit bleibt zentrale Herausforderung für Wohnungsunternehmen
Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) bestätigt, dass die Wirtschaftlichkeit von Ladeinfrastruktur in Mehrfamilienhäusern häufig noch nicht gegeben ist.
Wohnungsunternehmen stehen vor mehreren Unsicherheiten zugleich. Sie müssen einschätzen, wie sich die Nachfrage nach Elektroautos entwickelt, welche Investitionskosten pro Stellplatz entstehen und ob die bestehenden Netzkapazitäten langfristig ausreichen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie sich Ladeangebote sozialverträglich gestalten lassen, ohne Mieter finanziell zu überfordern.
Öffentliches Schnellladen ist oft deutlich teurer als Haushaltsstrom. Damit Elektromobilität für Mieter attraktiv und bezahlbar wird, müssen Ladeangebote in Wohngebäuden zu fairen Tarifen möglich sein.
Praxisbeispiele aus Bayern zeigen, dass Lösungen funktionieren können. Die Energiegenossenschaft Isarwatt begleitet Wohnungsunternehmen beim Aufbau von Ladeinfrastruktur. Gemeinsam mit der Münchner Wohnungsgenossenschaft Wogeno wurden Wallboxen schrittweise installiert – inklusive Lastmanagement und transparenter Abrechnung. Teilweise kommen auch geteilte Ladepunkte zum Einsatz, um Investitionen zu reduzieren und die monatlichen Fixkosten zu senken.
Warum Mieter vom Laden in der Tiefgarage profitieren
Ganz klar: Es liegt am Preis. Die private Wallbox in der Tiefgarage ist dann attraktiv, wenn sie möglichst günstig betrieben wird. Das bedeutet: Laden über Nacht mit niedriger Leistung, aber dafür zu einem guten Tarif.
Förderung von Elektromobilität: Fahrzeug und Ladeinfrastruktur zusammendenken
Aus Sicht des VdW Bayern greift die aktuelle E-Auto-Förderung zu kurz, da sie primär beim Fahrzeug ansetzt. Damit die Mobilitätswende im Mehrfamilienhaus gelingt, braucht es eine verlässliche und praxistaugliche Förderung für Ladeinfrastruktur im Bestand.
Wenn Normalverdiener auf Elektromobilität umsteigen sollen, müssen Fahrzeugförderung und Ladeinfrastruktur systematisch verzahnt werden. Gleichzeitig sind steuerliche Klarheit sowie wirtschaftlich tragfähige Betreiber- und Abrechnungsmodelle notwendig, damit Wohnungsunternehmen Planungssicherheit erhalten.
Die Wohnungswirtschaft in Bayern ist bereit, ihren Beitrag zu leisten. Sie braucht dafür stabile Rahmenbedingungen und verlässliche politische Leitplanken.
Fazit: Ohne Ladeinfrastruktur im Mehrfamilienhaus keine Mobilitätswende
Elektromobilität ist technisch möglich, und die Nachfrage wächst. Doch der entscheidende Hebel liegt im Wohnumfeld.
Ohne wirtschaftlich tragfähige Ladelösungen für Mehrfamilienhäuser bleibt die Mobilitätswende Stückwerk. Der Alltag beginnt vor der Haustür – und genau dort entscheidet sich, ob Elektromobilität massentauglich wird.
