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„Das Potential der Wohnungswirtschaft gewittert“

Peter Schmidt ist langjähriger Vorstand der Münchner Wohnungsgenossenschaft Wogeno und Gründungsvorstand der Isarwatt eG. Bei der Wogeno ist der schonende Umgang mit den natürlichen Resssourcen ein in der Satzung verankertes Ziel. Die praktische Folge: Innovative Konzepte für den Umgang mit Wärme, Strom und Mobilität. Ein Erfahrungsschatz von dem zukünftig auch die Mitglieder der Isarwatt eG profitieren werden. Die Redaktion sprach mit Peter Schmidt über die Idee, Schwerpunkte und Ziele der neuen Dienstleistungsgenossenschaft.

Wie kam es zu der Idee, eine eigene Genossenschaft als Dienstleistungsunternehmen zu gründen?

Der Anstoß für die Gründung der Isarwatt eG erfolgte durch die zahlreichen Dienstleistungen, die die Wogeno seit zehn Jahren für ihre Mitglieder erbringt. Wir erzeugen Energieerzeugungsanlagen und betreiben diese. Im zweiten Schritt wurde begonnen, das Thema Mobilität zu integrieren. Da wir das bei dem kleinen Unternehmen Wogeno sehr erfolgreich und technisch, rechtlich und organisatorisch durchdekliniert machen, kam der Gedanke auf, dass das Konzept vervielfältigbar ist. Warum sollte man das nicht auch Wohnungsunternehmen anbieten, die diese Leistungen auch gerne hätten, diesen Schritt aber bisher logistisch, personell oder steuerlich getrieben – aus verständlichen Gründen – bisher nicht selbst gemacht haben.

Wir haben gewissermaßen gewittert, dass da sehr viel Potential in der Wohnungswirtschaft vorhanden ist. Der erste Schritt war dann, das Interesse bei den Wohnungsunternehmen abzuklopfen. Die Antworten für ein Dienstleistungsunternehmen in den eigenen Händen waren unisono positiv. Und nach einem Jahr Vorbereitung – und einigem Abstimmungsaufwand in den Genossenschaftsgremien der Mitgliedsgenossenschaften – ist jetzt die Gründung der Isarwatt eG mit sechs Mitgliedern erfolgt.

Wie ist denn die Resonanz bei den Münchner Wohnungsunternehmen? Können Sie schon absehen, wie viele Unternehmen Mitglied der Isarwatt eG werden?

Im Augenblick gibt es zu den sechs Gründungsmitgliedern mindestens ebenso viele Genossenschaften und Gesellschaften, die an einer Mitgliedschaft interessiert sind. Einige haben schon Interesse an ganz konkreten Projekten kommuniziert. Die Auftragsbücher sind bereits zum Bersten voll.

Dann können die Mieter bei Ihren Mitgliedsunternehmen schon bald über selbst produzierten Strom verfügen und individuelle Mobilitätsangebote wahrnehmen?

Es wird Jahre dauern bis der Bestand der Isarwatt-Mitglieder im Wärme- und Ablesebereich „enabled“ wird – hier soll es natürlich auch die Wahlfreiheit geben, weiterhin alles selbst zu machen und man besorgt sich nur die Hardware über die Isarwatt eG. Je nach der Bedürfnislage und Aufgabenstellung des Mitgliedsunternehmens wird die Isarwatt eG die Dienstleistungen konzipieren und umsetzen. Die Isarwatt eG agiert auf dem freien Markt, wird aber von den Mitgliedsunternehmen kontrolliert und handelt in deren Interesse. Outsourcing und Insourcing in einem sozusagen.

Die Schwerpunkte der Isarwatt eG lesen sich ziemlich beeindruckend: Energie, Mobilität, Mess- und Abrechnungsdienste, Datenverarbeitung… Können Sie diese ganze Themenpalette selber bedienen oder werden Sie mit externen Dienstleistern zusammenarbeiten?

Ein zentraler Dienstleister im gesamten energie- und stromwirtschaftlichen Bereich ohne den wir das Thema Mieterstrom gar nicht betreiben könnten, ist die Firma buzzn. Das ist ein spezialisierter Dienstleister, der uns dabei hilft, das gesamte Abrechnungswesen für uns abzuwickeln. buzzn organisiert beispielsweise auch den Messstellenbetrieb für uns und entwickelt das energiewirtschaftliche Tool immer weiter, um dezentrale Energieerzeugung auch konsolidiert dauerhaft zu befähigen. Und das ist das eigentliche Novum. Alle reden von Mieterstrommodellen, aber keiner macht sie so wirklich. Wir haben den Hebel, um Mieterstrommodelle in der Wohnungswirtschaft auch umsetzen zu können.

Das ist auch einer der ganz konkreten Projektzusammenhänge: Die Errichtung und der Betrieb von Photovoltaik- und Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen. Wir haben jetzt schon mindestens ein Dutzend neue Anlagen für die Gründungsmitglieder und interessierte Unternehmen in der Pipeline.
Ein weiterer Punkt ist die Mobilität. Jedes Mitgliedsunternehmen hat Tiefgaragen, bei denen der latente Bedarf nach einzelnen Ladepunkten für Elektroautos perspektivisch besteht. Das wird nicht flächendeckend und schnell passieren, aber das Mobilitätsverhalten der Menschen wird sich immer mehr verändern. Für diesen Bereich gibt es bisher noch keine griffigen und durchdeklinierten Betreiberkonzepte. Das wird auch ein Job für die Isarwatt eG und zwar spezifisch auf jeden Standort bezogen. Der eine möchte vielleicht fünf normale Steckdosen haben, der andere eine Schnellladestation dazu anbieten. Das sind hochkomplexe Themen, bei denen man es sehr schnell mit technischen Richtlinien zu tun hat.

Damit hätten wir dann die Errichtung und den Betrieb von Energieerzeugungsanlagen, dann die Logistik, diese Energie auch zu verteilen, zu messen und abzurechnen. Und zu guter Letzt können diese Leistungen noch mit dem Segment der Mobilität gekoppelt werden. Dafür werden wir auch Abrechnungs- und Betreiberkonzepte vorhalten. In all diesen Bereichen wird eine konsistente Datenhaltung im Interesse der Wohnungsunternehmen betrieben, so dass die generierten Daten nicht bei dritten Dienstleistern hängen bleiben, sondern in den Händen der Wohnungsunternehmen bleiben.

Stichwort Mieterstrom: Hier tut sich ja momentan einiges auf Bundesebene. Das neue Mieterstromgesetz  wird nicht nur für einzelne Gebäude gelten, sondern auch für gebäudeübergreifende Projekte. Was erwarten Sie sich vom aktuellen Gesetzgebungsverfahren?

Wir schielen nicht immer wie das Kaninchen auf die Schlange, was sich der Gesetzgeber gerade wieder neu ausdenkt. Sonst gäbe es uns gar nicht. Wir machen das jetzt seit zehn Jahren. Der Mieterstrom ist ein ganz normales steuerliches Thema. Wenn der Dienstleister den Mieterstrom anbietet, brauchen die Wohnungsunternehmen auch keine Scheu mehr vor steuerlichen Themen, wie dem Verlust der gewerbesteuerbefreiten Vermietungstätigkeit, zu haben.

Der Dienstleister agiert in energie- und steuerrechtlichen Dingen compliant, also gesetzes- und regelkonform. Ob dabei immer der letzte staatliche Förderanreiz gezogen werden kann, sollte für das Geschäftsmodell nicht ausschlaggebend sein, die Isarwatt eG soll ja dauerhaft und unabhängig von kurzfristigen Schwankungen der Förderlandschaft agieren, freut sich aber natürlich darüber, wenn der Gesetzgeber die Dezentralisierung der Energiewende positiv begleitet.

Gibt es denn bei der Wärme- und Stromerzeugung auch konkrete Vorteile für die Mieter?

Wenn wir vom Strom ausgehen, kann man jetzt schon sagen, dass sich jeder Haushalt alleine bei den Grundkosten – die man früher als Zählergebühr bezeichnet hat – einen Betrag bis zu 50 Euro jährlich spart. Bei den Stromtarifen wollen wir bewusst nicht mit Cent-Beträgen pro Kilowattstunde locken, da der Strom ein wertvolles Gut ist, das verbrauchsgerecht abgerechnet werden soll. Hier bieten wir ganz normale Tarife entsprechend der heutigen Tariflandschaft und orientieren uns nicht an den Discountern am unteren Ende sondern an einem Strompreis der in einem gesunden Ökomix anzusiedeln ist. Wir geben aber auch Handreichungen zum Stromsparen bzw. für den effizienteren Umgang.

Bei der Wärmeerzeugung gibt es den Anspruch, dass der Preis für die Haushalte durch die Einführung einer neuen Technologie nicht steigen darf. Die Wärme wird 1:1 weiter so umgelegt wie bisher auch. Wenn bzw. ein Blockheizkraftwerk in eine bestehende Wohnanlage eingebaut wird, die vorher eine Gaskesselanlage hatte, dann wird die darin erzeugte Wärme nicht zu höheren Preisen verrechnet. Bei Neubauprojekten mit Nahwärmenetz wird ein Preis genommen, der sich an den Fernwärmepreisen orientiert, weil es auch eine größere Investitionsleistung für das Nahversorgungsnetz gibt. Für die Mieter wird es nicht teurer und das ist das wichtigste Signal.

Ist die Isarwatt eG auf München beschränkt, oder werden Sie Ihre Dienstleistungen mittelfristig auch in anderen bayerischen Kommunen anbieten?

Die Isarwatt eG wird sicher kein Wohnungsunternehmen aus Nürnberg mitbetreuen, aber wir können uns vorstellen, dass in anderen Städten ähnliche Dienstleistungsunternehmen gegründet werden. Wir werden das so offen und transparent handhaben, dass sich aus den Reihen der sozial orientierten Wohnungsunternehmen relativ schnell Mitbewerber gründen können und sollen. Wir wollen ja schließlich die Energiewende und die Dezentralität befördern.

 

Das Interview erschien in der Verbandszeitschrift wohnen – Zeitschrift der Wohnungswirtschaft Bayern 4/2017: PDF-Download