Die WohnungswirtschaftBayern

Forum Soziale Stadtentwicklung 2016

Am 23. Februar beschäftigten sich Vertreter der bayerischen Wohnungswirtschaft beim Forum Soziale Stadtentwicklung in Amberg mit der Integration von Zuwanderern und dem kostenreduzierten Bauen. Die Themen des Forums waren angesichts der aktuellen Situation hoch aktuell. Die Entwicklung der Flüchtlingssituation kann man gut an den Themenschwerpunkten des Forums nachvollziehen, wie Hans Sartoris, der Vorsitzende des Fachausschusses Soziale Stadtentwicklung des VdW Bayern bei seiner Begrüßung anmerkte. Im Jahr 2014 stand die Aufnahme von Flüchtlingen und Asylbewerbern als ein Thema auf dem Programm, 2015 war die Unterbringung der Themenschwerpunkt und in diesem Jahr ging es um die große Herausforderung der Wohnungswirtschaft, schnell viele Wohnungen zu bauen und die Menschen zu integrieren. So standen bei den Vorträgen am Vormittag die Menschen im Mittelpunkt, nachmittags ging es um die baulichen Aktivitäten.

Der Vorsitzende des Fachausschuss Soziale Stadtentwicklung Hans Sartoris und Verbandsdirektor Xaver Kroner

Der Vorsitzende des Fachausschusses Soziale Stadtentwicklung Hans Sartoris und Verbandsdirektor Xaver Kroner

Verbandsdirektor Xaver Kroner betonte, dass sich die Wohnungswirtschaft schon lange mit dem Mangel an bezahlbaren Wohnungen in den Ballungszentren beschäftigt und bedauerte, dass auf politischer Seite immer noch das notwendige Verständnis für die Branche fehlt. Zwar gebe es mit dem Wohnungspakt Bayern und dem Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen Schritte in die richtige Richtung. Doch diese Maßnahmen würden durch Eingriffe auf der Einkommensseite der Wohnungsunternehmen, wie sie die aktuellen Pläne des zweiten Mietrechtsänderungsgesetzes vorsehen, wieder zunichte gemacht. Angesichts des wachsenden Drucks auf die Wohnungsunternehmen meinte Kroner: „Wir können viel schaffen, aber die Welt nun mal nicht im Alleingang retten. Denn selbst bei einer Verdoppelung der Neubauleistungen würden in Bayern „nur“ knapp 4.000 neue Sozialwohnungen und preiswerte frei finanzierte Wohnungen jährlich entstehen. Deshalb müssten sich auch andere Akteure im Mietwohnungsbau engagieren.

Zuwanderung hat viele Gesichter

Dr. Judith Abdel-Massih-Thiemann

Dr. Judith Abdel-Massih-Thiemann

Die Ethnologin Dr. Judith Abdel-Massih-Thiemann zeigte in ihrem Vortrag „Zuwanderung hat viele Gesichter“ den interkulturellen Ansatz bei der Integration auf. Viele Missverständnisse in Alltagssituationen und entsprechend im Kontakt mit dem Vermieter beruhen neben den sprachlichen Schwierigkeiten auf den unterschiedlichen sozialen- und Kommunikationsstrukturen sowie den verschieden Wertesystemen, die unsere Denk- und Verhaltensweisen prägen. Als häufigste Konfliktursachsen im interkulturellen Miteinander nannte die Referentin Werte und Regeln, Konflikte zwischen den Kulturen, Hygiene und Müll sowie Sachbeschädigung. Ihr Tipp an alle, die beruflich mit anderen Kulturen Kontakt haben; es einmal mit einem Perspektivwechsel zu versuchen und sich zu überlegen, warum sich die Menschen so verhalten. Dafür hat Abdel-Massih-Thiemann einen sog. Methodenkoffer entwickelt, also Handlungsweisen für den Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen: Perspektivwechsel und Empathie, Respekt, Partizipation, Beratung und das Aufzeigen von Konsequenzen sind Methoden aus diesem Koffer.

Praxisbeispiel GEWOBA Bremen

Ralf Schumann

Ralf Schumann

Wie ein großes Wohnungsunternehmen mit der Integration umgeht, referierte Ralf Schumann, Geschäftsbereichsleiter bei der Bremer GEWOBA. Bei dem kommunalen Wohnungsunternehmen mit 41.000 Wohnungen leben Menschen aus 90 verschiedenen Nationen. Zu Beginn seines Vortrags stellte Schumann die Wohnlösungen für Flüchtlinge bei der GEWOBA vor. Das Unternehmen stellt der Stadt Bremen seit November 2013 monatlich 30 Wohnungen zur Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung (zzgl. weitere durch freie Vergabe). Dieses Kontingent entspricht ungefähr 10 Prozent der monatlichen Kündigungen. Bis zum 31.10.2015 kamen daraus insgesamt 511 Mietverhältnisse in der Stadt Bremen sowie 75 in Bremerhaven zustande. Die Verteilung erfolgt in der gesamten Stadt, um die Bildung von Schwerpunkten zu vermeiden. Vor dem Hintergrund des sprunghaften Anstiegs der Flüchtlingszahlen entwickelte die GEWOBA weitere Angebote für Wohnlösungen von Flüchtlingen: Bestandszukäufe und ein Integrationsmodell. Die GEWOBA erstellt Wohnungsneubau auf städtischen Grundstücken, für die aktuell kein Baurecht besteht und die mit Wohncontainern zur temporären Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden. Die Ausschreibung erfolgt mit der Maßgabe, die in den Containern auf diesen Grundstücken lebenden Flüchtlinge in Wohnungen in Bremen unterzubringen und dabei Monostrukturen zu vermeiden. Die Neubauten werden in gewohnt hoher Qualität erstellt, damit diese dauerhaft wirtschaftlich erfolgreich bewirtschaftet werden können. Bei der Unterbringung wird die GEWOBA Bremen von der AWO unterstützt. Diese ist von den Sozialbehörden mit der Verteilung der Flüchtlinge beauftragt worden. Um Sprachschwierigkeiten vorzubeugen hat die GEWOBA Studenten aus den verschiedenen Herkunftsländern als „Sprachmittler“ eingestellt. Die Mietverträge werden in deutscher Sprache ausgestellt, nur die Hausordnung gibt es auch in verschiedenen Fremdsprachen. Für den Umgang mit Menschen aus verschiedenen Kulturen hat sich das Unternehmen ein „Leitbild der Vielfalt“ verordnet.

Eine Frage der Menschlichkeit – dezentrale Unterbringung bei der BSG-Allgäu

Ralf Kehrer

Ralf Kehrer

Ein Praxisbeispiel aus Kempten stellte Ralf Kehrer von der Bau- und Siedlungsgenossenschaft BSG-Allgäu vor. Die Genossenschaft kooperiert mit der Stadt Kempten bei der dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen. Dabei geht es zum einen um die Verwaltung städtischer Liegenschaften, die durch die Stadt Kempten verstärkt für die Unterbringung von Asylbewerbern genutzt werden. Und anderseits um die Vermietung genossenschaftlicher Mietwohnungen an die Stadt Kempten zur Unterbringung von Asylbewerbern. In diesem Zusammenhang hat die BSG-Allgäu beispielsweise ein ehemaliges Schulgebäude zur Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber umgebaut. Als weitere Aufgaben der Genossenschaft nannte Kehrer unter anderem das Finden und Einrichten von geeigneten Wohnungen, die Unterbringung der ankommenden Asylbewerber inklusive Transport zu den Wohnungen, die Betreuung in den Wohnungen und das Abwickeln der mietvertraglichen Bestimmungen. Auch wenn die Unterbringung von Flüchtlingen nicht als Auftrag in der Satzung steht, für die BSG-Allgäu handelt es sich um eine Frage der Menschlichkeit, die dem Unternehmensleitbild der Genossenschaft entspricht, betonte Kehrer.

AWO und wbg Nürnberg – Modellprojekt Mov´in

Über das Projekt Mov´in WohnRaum für Flüchtlinge informierten Benjamin Deinert von der AWO Nürnberg und Franziska Fuchs, Leiterin der Wohnungsverwaltung der wbg Nürnberg. Ausgehend von der Überlastung der staatlichen und städtischen Gemeinschaftsunterkünfte sowie Erstaufnahmeeinrichtungen in Bayern durch steigende Flüchtlingszahlen hat sich Mov´in das Ziel gesetzt, Flüchtlinge in privaten Wohnraum zu vermitteln und diese Mietverhältnisse nachhaltig zu sichern. Das Projekt wird vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration gefördert. Durch ehrenamtliche Arbeit, niederschwellige Unterstützungsangebote sowie Netzwerks- und Öffentlichkeitsarbeit wird versucht, Vermieter zu gewinnen. Seit dem Projektstart im April 2013 konnten 215 Personen in Wohnungen untergebracht werden. Die häufigsten Herausforderungen bei der Wohnungssuche sind für Deinert Sprachbarrieren und Informationsdefizite auf der Personenebene und ausländerrechtliche Vorgaben, Mietobergrenzen sowie die langen Prüfdauern der Mietkostenübernahme auf Seiten der Behörden.

Franziska Fuchs und Benjamin Deinert

Franziska Fuchs und Benjamin Deinert

Die Kooperation mit der wbg Nürnberg schilderte Franziska Fuchs. Die AWO erstellt Listen über auszugsberechtigte Flüchtlinge, mit genauen Angaben über benötigte Wohnungsgrößen und Aufenthaltstitel. Die wbg überprüft daraufhin in ihrem Portfolio, ob entsprechende Wohnungen vorhanden sind und reserviert gegebenfalls passende Wohnungen für die Interessenten. Das Unternehmen prüft die Unterlagen und nimmt Kontakt mit dem Jobcenter und der Wohnungsvermittlung der Stadt Nürnberg auf. Die Unterlagen werden dann an das zuständige Kundencenter übergeben, dort wird der Mietvertrag erstellt und die Wohnung übergeben. An Herausforderungen nannte Fuchs die teilweise fehlende Berechtigung für öffentlich geförderte Wohnungen und die Schwierigkeit, eine frei finanzierte Wohnung, die den Richtwerten entspricht zu finden. Noch schwieriger sei die Suche nach behindertengerechten Wohnungen im Rahmen der Richtwerte.

Kostenreduziert Bauen – „einfach“ Wohnen

Peter Karmann

Peter Karmann

„Wer baut, trägt Verantwortung“, nach dieser Devise hat Peter Karmann, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt seinen Vortrag benannt. Er stellte aktuelle Projekte der GWG Ingolstadt zum „einfachen Wohnen“ für Personen in schwierigen sozialen Lebenssituationen und mit besonders niedrigem Einkommen vor. Die Ziele bei diesen Maßnahmen sind niedrige Baukosten, kurze Bauzeiten und funktionaler Wohnraum auf kleiner Fläche. „Die Voraussetzung für die Projekte sind natürlich geeignete Standorte“, sagte Karmann. Bei der Grundstücksauswahl sei man auf die Unterstützung der Kommune angewiesen. Bei der Planung der Grundrisse achtet die GWG Ingolstadt darauf, Flächen auf das zulässige Minimum zu reduzieren und Organisationseinheiten zusammenzufassen. Dafür werden mehr Gemeinschaftsflächen und individuelle Rückzugsmöglichkeiten geschaffen. Bei der Bauplanung setzt man auf einfache Baukörper, vorgefertigte Bauelemente wie Holzbau und Container und sich wiederholende Wohnungstypen. Als Praxisbeispiele stellte Karmann Obdachlosenunterkünfte, Wohnen für unbegleitete Flüchtlinge und Asylbewerberunterkünfte vor. Für die Zukunft denkt die Gemeinnützige über die Konzeptidee der Mikrohäuser nach. Das sind Häuser, die auf bestehende Bauten, wie z.B. Garagenzeilen aufgesetzt werden. Das Fazit von Peter Karmann lautete: Wer baut, trägt Verantwortung für Sozialverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit, Ökologie und Nachhaltigkeit sowie Bauqualität und Baukultur.

Die Vorträge des Forums Soziale Stadtentwicklung und eine Bildgalerie finden Sie in unserem Mitgliederbereich.

Alle Bilder: Klaus D. Wolf