Verbandsvorsitzender Mario Dalla Torre, geschäftsführender Vorstand der BSG-Allgäu (Quelle: privat)
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat das Jahr 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt, um daran zu erinnern, dass Genossenschaften eine ideale Rechtsform für nachhaltiges Wirtschaften darstellen. Die Redaktion sprach mit Mario Dalla Torre, Verbandsvorsitzender des VdW Bayern und geschäftsführender Vorstand der BSG-Allgäu, über die Besonderheiten der „Rechtsform“ Genossenschaft.
2012 ist das Internationale Jahr der Genossenschaften. Die Kampagne der deutschen Genossenschaftsverbände heißt „Ein Gewinn für alle – die Genossenschaften“. Welche Vorzüge der genossenschaftlichen Idee sollten den Menschen näher gebracht werden?
In einer Solidargemeinschaft können Menschen Ziele erreichen, die für Einzelpersonen unerreichbar wären. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde im Jahre 1906 auch unsere Genossenschaft, die BSG-Allgäu, gegründet. Der Grundsatz war und ist, alle Mitglieder gleich zu behandeln, zu respektieren und zu fördern. Der Genossenschaftsgedanke verfolgt soziale und gesellschaftliche Ziele, die gerade in unserer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen, wie z.B. einer schrumpfenden Mittelschicht, wachsender Armut, der Veränderung von Familienstrukturen oder dem demographischen Wandel, wieder viel stärker an Bedeutung gewinnen werden und sollten. Das gegenseitige Einstehen füreinander in einer demokratischen, genossenschaftlichen Solidargemeinschaft sollte als moderne Idee ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden.
Was unterscheidet Genossenschaften von anderen Wohnungsanbietern?
Satzungsgemäßer Zweck von Wohnungsgenossenschaften ist die Förderung ihrer Mitglieder vorrangig durch eine gute, sichere und sozial verantwortbare Wohnungsversorgung.
Genossenschaften bieten ihren Mitgliedern - als Miteigentümer der Genossenschaft - ein lebenslanges Wohnrecht zu wirtschaftlich angemessenen Mietpreisen. Genossenschaften verbieten sich, mit dem Gut Wohnung zu spekulieren oder höchstmögliche Gewinne zu erwirtschaften.
Genossenschaften, die mit einer sozialen und gesellschaftlichen Zielsetzung gegründet wurden, schaffen für möglichst viele Menschen lebenswerten, dauerhaften und sicheren Wohnraum. Dieser Verantwortung für die Gesellschaft werden Genossenschaften in besonderem Maße durch ihr soziales Engagement gerecht.
Das Modell der Wohnungsgenossenschaft entstand im späten 19. Jahrhundert, als bezahlbarer und menschenwürdiger Wohnraum besonders für die Arbeiterschicht kaum vorhanden war. Vor welchen Herausforderungen stehen die Genossenschaften heute, im 21. Jahrhundert?
Die Genossenschaften stehen heute vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen. An erster Stelle ist zunächst der demographische Wandel zu nennen. Wir verzeichnen einen Anstieg hochbetagter, teilweise hilfebedürftiger Mitglieder. Hier gilt es, die Wohnungen altersgerecht umzubauen, um diesen Menschen ein weiteres Wohnen ohne Einschränkungen in ihren vertrauten vier Wänden zu ermöglichen.
Auch auf die Veränderung der familiären Strukturen, etwa wenn beide Elternteile berufstätig sind, müssen Genossenschaften reagieren. Ihnen kommt zu Gute, dass nachbarschaftliche Hilfe der Generationen untereinander beim genossenschaftlichen Wohnen traditionell eine große Rolle spielt.
Leider beobachten wir auch einen Anstieg von Privatinsolvenzen und Armut bei Teilen der Bevölkerung. Eine wachsende Zahl von Menschen wird im Alter auf Unterstützung angewiesen sein.
Eine weitere zentrale Herausforderung sind Klimaschutz und Energiewende, die sich für die Wohnungswirtschaft in Form von stetigen ordnungsrechtlichen Verschärfungen beim Neubau und der Modernisierung von Wohnungen auswirken. Durch die wachsenden Kosten wird es für die Genossenschaften immer schwieriger, die moderaten Mieten für die Mitglieder zu halten.
Was wünschen Sie sich zum Internationalen Jahr der Genossenschaften?
Ich wünsche mir, dass die genossenschaftliche Idee als hochaktuell und zeitgemäß in den Köpfen der Menschen verankert wird. Damit auch künftige, gesellschaftliche Herausforderungen solidarisch gemeistert werden können und der Mensch wieder in den Mittelpunkt aller wirtschaftlichen Überlegungen gerückt wird.